Tag 16 – exakt 7.504 km später

Sonntag, 01. Juli 2018 … we finally did it! Nach einem gemütlichen Familienfrühstück auf Usedom – gut … es war nicht unsere Familie, aber wir durften mit am Tisch sitzen, vielen Dank dafür an Anna und Johannes – starteten wir um kurz nach Elf an diesem Vormittag Richtung Hamburg und genossen die letzten Autobahnkilometer dieser Tour… und pünktlich zum Rallyeende erwartete uns die nordische Großstadt mit blauem Himmel und Sonne … bei 26°.

Um 15.35 Uhr rollt unser V70 ins Ziel des Baltic Sea Circle 2018 an den Hamburger Landungsbrücken. Exakt 7.504 km, nachdem wir diesen Ort am Samstag, den 16. Juni verlassen haben, sind wir wieder zurück – und haben die Ostsee erfolgreich umrundet. Wir haben Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Russland und Polen durchquert, ganze 713 Liter Super verballert, schätzungsweise 50 Kaffee pro Kopf getrunken … wir haben schlechtes Wetter ertragen, dem Regen getrotzt, gefroren und geflucht – aber wir haben auch tolle Menschen kennengelernt, gemeinsam gefeiert, getrunken und gelacht.

Stolz macht uns unser dicker Schwede, der sich als echter Glücksgriff erwiesen hat. Ein getauschtes Bremslicht am Tag der Abfahrt … und bis auf einen Liter Öl und ja, ein paar Liter Sprit, hat der Große nichts verlangt außer etwas Betriebstemperatur, bevor er sich zu Höchstleistungen motivieren ließ.

Außerdem bedanken wir uns bei den Teams #210, Dominik und Sven im weißen Volvo 850, #124 Sven und Marius im geilen Audi 100 Baujahr 1979, #145 Ralf und Nils im feuerroten Passat und, das Beste kommt hier definitiv zum Schluß, #247 „Clint Gerd Eastwood“ und Helmut im beinahe unkaputtbaren A6 (jaaaa, 6-Zylinder!). Diamond Brothers, ihr habt die Rallye für uns zu einem besonderen Erlebnis gemacht … und an die ganze Gruppe „Fährenbrüder“ … in diesem Konvoi könnten wir die Welt umrunden.

Insgesamt kamen beim BSC 431.000,- Euro Charitygelder zusammen, die in unterschiedlichste Einrichtungen fließen. Unser Erlös geht an die Familienherberge Lebensweg. Unseren Sponsoren, aber auch unseren Unterstützern, möchten wir hier ebenfalls nochmals danken: SÄMANN Stein- und Kieswerke, Franz Walter GmbH, ITST Tanzania Special Tours für die finanzielle Unterstützung, der Firma Easy-Cut Beschriftungen in Bad Liebenzell für den geilen Rallyelook, AT Reifen in Ötisheim fürs erfolgreiche Checken unserer Karre … und allen anderen, die uns unterstützt, an uns geglaubt oder uns unterwegs immer mal wieder motiviert haben.

Zuhause ist da, wo man Dich vermisst, wenn Du nicht da bist …

In diesem Sinne lassen wir die letzten 16 Tage nun mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinter uns, rollen aktuell, der Montag ist vor 50 Minuten angebrochen, die letzten 200 Kilometer auf der A5 in Richtung Heimat – und freuen uns schon auf die, die wir in den vergangenen knapp über zwei Wochen zurück gelassen haben.

In diesem Sinne … wir überholen euch bald mal wieder,

mit leidenschaftlich pfeifendem Turbolader, eure Sieger der Herzen (nee, erster waren wir nicht),

Heiko & Patrick

Tag 15 – erwischt an der Grenze

Samstag, 30. Juni 2018 … den Grillplatz hatten wir verlassen, uns über 10 km Acker gequält, eine Landstraße entdeckt und dann die EU-Außengrenze Russland/Polen angesteuert. Quer durch Kaliningrad führte uns die Route, über welche wir knapp nach Mitternacht die russische Grenze erreichten. Diese war erstaunlicherweise mit einmal alles aufmachen inklusive Motorraum und Dachbox, authoritär über das Gepäck schauen und ein paar mal blättern im Reisepass nach 15 Minuten gemeistert. Kurze Zeit später standen wir dann an der polnischen Grenze, öffneten schon fast automatisch unser Fahrzeug und beantworteten die Frage, ob wir Alkohol oder Zigaretten im Fahrzeug hatten selbstbewußt mit „ja“.

Helmut von Team #247 hatte uns gefragt, ob wir als Nichtraucher für ihn einige Zigaretten transportieren könnten, zwei Stangen pro Person wären zulässig. So hatten wir also drei Stangen russischer Marlboro im Fahrzeug, davon zwei offensichtlich direkt im Kofferraum liegend, eine etwas unzugänglicher in einem Seitenfach.

Da lag es nahe, die Frage „wieviele“ mit zwei zu beantworten, um sich unnötige Handgriffe zu sparen … und auf die verdutzte Frage, ob wir von zwei Päckchen sprechen würden, entgegneten wir auch ohne zu zögern mit Nein – zwei Stangen. Joah, komisches Gefühl, wenn der Kontrolleur dann die Augen ziemlich weit aufreißt und meint „ooooh, that’s too much!“.

Kurze Zeit später waren wir aufgeklärt, während von Russland nach Polen im Flugzeug oder per Schiff 200 Zigaretten, also eine Stange, eingeführt werden dürfen, sind es im PKW nur 40 Stück, also zwei Schachteln pro Kopf. Selbstbewußt zeigten wir ihm prompt noch einen Artikel im Internet, in dem von 800 Zigaretten gesprochen wurde (darin ging es um die Einfuhrmenge von Polen nach Deutschland … aber das war ja zweitrangig) und er verschwand im Zollhäusschen, um die Situation zu klären, bevor er meinte, wir sollen es weiter vorne direkt zugeben, die Stangen auf die Theke legen und unser Problem kurz schildern. Während wir die 10 Meter rollten dann die „Volvo-interne“ Besprechung: was machen wir mit Stange Nr. 3, die noch hinten in der Holzkonstruktion liegt …

Wir beschlossen, die ehrliche Variante zu wählen, legten am Schalter motiviert drei Stangen Zigaretten auf die Theke und stellten uns, ganz intelligent, blöd! Aufklärung hier, Verwarnung dort … irgendwann kam dann die Entscheidung des Chefs. Wir werden kontrolliert, müssen das Fahrzeug ausräumen, und wenn noch irgendwo zusätzlich Zigaretten auftauchen bekommen wir Ärger. „Ehrlich“ währt halt doch am längsten.

Eine gute halbe Stunde später hatten wir eine ausgiebige, aber doch ganz umgängliche Komplettkontrolle hinter uns, wobei uns die Leibesvisitation erspart blieb und konnten unsere Weiterreise antreten, nachdem der Leiter der Zollstelle ein gemeinsames Selfie mit kritischem Blick verneint hatte. Willkommen zurück in Europa.

Um Zeit gut zu machen, fuhren wir noch bis 3 Uhr morgens durch Polen, suchten uns einen Schlafplatz im Grünen und fuhren dann den restlichen Samstag durch das komplette Land bis an die deutsche Grenze. Von dort aus ging es nach Usedom in das Ferienhaus von Freunden, die dort aktuell Urlaub machen, um beim gemeinsamen Abendessen von unseren Erlebnissen zu berichten und die extra morgens noch entwickelten Bilder unserer Challenges ins Roadbook einzukleben.

Unterwegs: knapp 4 Stunden (nachts) + 11 Stunden   Tagesstrecke: ca. 670 km

 

Tag 14 – in einem Land vor unserer Zeit

Streng bewachte Grenzübergänge mit düster wirkenden, strikt nach Hierarchie geordneten Uniform- und Tellerkappenträgern, ein rauer Umgangston, klare Ansagen seitens der Grenzbeamten … dazu „modernstes“ Behördentum und kreativ übersetzte Formulare … aber von vorne.

Freitag, 29. Juni 2018. Wir haben unseren Strandparkplatz morgens um kurz nach acht in der Kolonne verlassen, um uns die ab 8.00 Uhr fälligen Parkgebühren von 3,- Euro zu sparen (schon war der Eintritt vom Vortrag wieder drin und das Rallyebudget gerettet). Unser Etappenziel: Der Berg der Kreuze, ein katholisch – und touristisch – geprägter Wallfahrtsort in Litauen. Die Geschichte des zumindest zum Teil künstlich angelegten Hügels reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert und soll zu dieser Zeit bereits Gebets- und Opferstätte gewesen sein. Pilger stellen Kreuze auf diesen Hügel, meist in Verbindung mit einem Wunsch oder Dank. So hat sich über die Jahrzehnte ein skurriles Bild ergeben.

Unsere Aufgabe laut Roadbook: stelle ein Kreuz auf und fotografiere dieses gemeinsam mit Deinem Team. Da unser BSC-Holzi die eigentliche Challenge, dieses gemeinsam mit möglichst vielen weiteren BSC-Hölzchen bei einem Lagerfeuer in Norwegen oder Finnland zu verbrennen, überlebt hat, hatten wir nun eine besondere Idee. Holz selbst wurde zum Kreuz und fand auf dem „Kryžių kalnas“ seine letzte Ruhestätte.

Von dort aus ging es, quer durch Litauen, bis an die Landstraße 167, die auf einem schmalen Küstenstreifen durch die Ostsee direkt in die russische Exklave Kaliningrad führt und auf der Karte spannende Aussichten versprach. Dafür mußte allerdings ein „Museum“ besichtigt werden … ein russischer Grenzübergang. Geschätzte 6.000 km konnten wir Europa und eine moderne Welt erleben, mal stärker, mal weniger ausgeprägt, konnten ohne Aufwand reisen. Nun aber durften wir die verstaubte Erinnerung von kontrollierten Grenzübergängen in Erinnerung rufen und in Manier aus längst vergangenen Zeiten live erleben. Glücklicherweise zählten wir zu den vordersten Fahrzeugen und unser Aufenthalt beschränkte sich auf knapp über eine Stunde. Mit reduzierter Kommunikation in diversen Sprachen wie „auf, zu, rein, raus, aussteigen, wieder einsteigen, einmal, ausfüllen, doppelt, aaah, Niet, vor, anhalten, auf, zu, yes, no, rein, raus“ war es dann auch mühelos überstanden und wir standen auf russischem Boden. Immerhin einen Zöllner konnte ich sogar für einen Moment zum lachen bringen … bis sein Vorgesetzter diesen emotionalen Ausrutscher bemerkte. Die Straße auf dem schmalen Küstenstreifen entpuppte sich auch als deutlich unspektakulärer als zunächst angenommen, da sie auf beiden Seiten von dichten Wäldern gesäumt war und so den Blick auf die Ostsee versperrte… dazu noch die legendäre Zusammenfassung von Helmut im Gruppenchat:

post_helmut.jpg

 

Mittlerweile war es, trotz einer Stunde Gewinn dank Überschreitung der Zeitzone, 19.00 Uhr und wir beschlossen, die Stadt nur zu durchfahren und direkt einen geeigneten Platz zum Grillen zu suchen, den ein Teil des Konvois auch gleich als Nachtlager beanspruchen wollte. Wir dagegen hatten bereits die Entscheidung getroffen, auch die zweite russische Grenze zurück nach Europa am Abend bzw. in der Nacht noch zu überschreiten, um am kommenden Tag nicht zu viel Zeit zu verlieren.

Nach einem spannenden Ausflug über gefühlte 10 km Feldweg standen wir tatsächlich an einer schönen Location im Nirgendwo, den See direkt vor uns. Dank des starken Winds waren auch keine kleinen Blutsauger unterwegs und so konnten wir schnell den Grill und das Lagerfeuer einheizen und im Anschluß gemeinsam essen. Gegen 23.00 Uhr war dann vorläufiger Abschied und wir machten uns auf in Richtung Polen …

Fortsetzung folgt …

Unterwegs: ca. 12 Stunden   Tagesstrecke: ca. 455 km

Tag 13 – von Est- nach Lettland

Donnerstag, 28. Juni. Unerwartet einfach und mit mäßig auffälligen Nebenwirkungen ging es morgens in den für uns ersten richtigen Rallyetag seit Sonntag. Das Ziel war noch nicht exakt bestimmt, wir wollten heute aber auf jeden Fall Strecke machen und starteten somit noch vor den meisten anderen unsere Tagesetappe.

Das erste Etappenziel war schon durch unser Roadbook vorgegeben. 45 km nordwestlich von Tallinn sollte sich ein ehemaliges Gefängnis in einem Steinbruch befinden, der mittlerweile mit Wasser geflutet wurde. Während das Gefängnis noch aus dem Wasser ragt befinden sich wohl mehrere Gebäude und Anlagen vollständig unter Wasser und sind so, neben einer Kultlocation der regionalen Jugend mit gemütlichem Sandstrand, zu einem beliebten Tauchspot geworden. Im estnischen Ort Rummu, direkt an der Straße 17 gelegen, wurden wir schließlich fündig – und die Eigentümerin war praktischerweise vor Ort, was den Zugang zur gut gesicherten Anlage zwar vereinfachte aber mit 3,- Euro pro Kopf auch ein wenig teurer machte. Ein anderes Team, das erst am späten Abend folgte, machte aber Erfahrungen mit dem örtlichen Wachhund, so gesehen waren die drei Euro im Nachhinein betrachtet eine äußerst sinnvolle Investition.

Weiter ging es, auf der E67 an Pärnü vorbei, die Küste abwärts Richtung Riga. Aufgrund des guten Wetters beschlossen wir im Chat unseres Konvois dann am frühen Nachmittag, uns einen Strand knapp oberhalb von Riga als Nachtlager zu suchen und dort auf den Rest zu warten. So blieb einige Zeit, um endlich, nach vielen kalten und feuchten Tagen in die Badehose zu steigen und sich ein paar Stunden von der Sonne am Strand verwöhnen zu lassen – bevor auch die restlichen Teams #210, #247 und der Böblinger Audi #124, am Parkplatz eintrafen. So wurde noch gemeinsam der Grill angeworfen und herzhaft in den Abend gestartet, bevor ein Großteil der Gruppe den Schlafsack packte, um sich ein Nachtlager am Strand und unter freiem Himmel zu suchen, während ein einzelner dem Charm und der Zuverlässigkeit seines schwedischen Sargs die Treue hielt. 

Unterwegs: 6,25 Stunden   Tagesstrecke: ca. 442 km

Tag 12 – kurze Strecken, tiefe Becher

Mittwoch, 27. Juni. Wie mit Mari, unserem Airbnb-Host, abgesprochen, verließen wir gegen 12.00 Uhr Mittags das Apartment in Tallinn, um zur Eventlocation der zweiten Rallyeparty, der Baltic States Party bei Uuri in Estland, aufzubrechen. Gerade mal knapp über eine Stunde und 80 km später verließen wir die Straßen und fanden uns auf einem gemütlichen Waldweg wieder, der uns zunächst ins scheinbare Nirgendwo, dann aber doch ins im Roadbook benannte Raudsilla-Camp führte. 

Der Entertainment-Komplex wurde für diverse Veranstaltungen Stück für Stück erstellt und ist ein wahres Paradies. Diverse, selbst gebaute Holztippies, ob als Grillkotta, zum Übernachten, als große Sauna mit integriertem Abkühlbecken oder als Outdoorküche, konnte man auf dem weitläufigen Gelände entdecken. Ein kleiner Fluß schlängelte sich an den zahlreichen Gebäuden vorbei, das SAC-Team hatte für unsere Ankunft bereits einiges vorbereitet. Da wir zu den ersten Fahrzeugen am Platz gehörten, hatten wir bei der Suche des perfekten Standplatzes noch die Qual der Wahl. Dieser wurde gleich etwas großzügiger eingenommen, da auch die Teams #210 oder #247 heute wieder zu uns stoßen sollten. Wie bereits auf der ersten Party auf den Lofoten standen wir eher zufällig wieder bei den Berliner Jungs von Team #159, bauten gemütlich unseren Schlafplatz für die Nacht auf und begrüßten kurze Zeit später bereits den altbekannten, weißen Volvo 850. An der Bar wurden die ersten Bier bestellt, Gamemaster „Maschine“ begrüßte uns kurze Zeit später über das Mikro und gegen 19.00 Uhr wurde zum estnischen Abendessen geladen. Das Wetter war gut, die Stimmung gelassen und einige Zeit später fanden sich immer mehr Teams in den Saunen ein, um dort gemeinsam in den Abend zu schwitzen.

Es wurde spät in dieser Nacht … und der durchschnittliche Bierkonsum der Rallye wurde an diesem Abend sicher massiv nach oben gezogen – aber am Ende zählt das Resultat: eine gelungene, ausgelassene Party und ein hervorragender Ausgleich zu den vergangenen, kalten und kilometerreichen Tagen.

 Unterwegs: 1,25 Stunden   Tagesstrecke: ca. 84 km

Tag 11 – Mittelalter, KGB und Kalorien

Dienstag, 26. Juni. Ein weiterer Tag unseres spontanen Städtetrips startete mit einem gemütlichen Frühstück, dank eigener Küche inklusive Spiegelei und frisch aufgebackenem Brot. Die richtige Grundlage, um gegen 11.00 Uhr das Hotel Viru anzusteuern und dort kurze Zeit später unsere angemeldete Führung zu beginnen.

Mit dem Aufzug ging es hinauf in den 22. Stock, dem offiziell höchsten Stockwerk des Gebäudes, dann in ein Treppenhaus und ein weiteres Geschoss nach oben. Hier erfuhren wir viele Details zu dem aus „Mikrobeton“ errichteten Gebäude, laut Guide eine Mischung aus Mikrofonen und Beton. Das Interhotel war hauptsächlich für Gäste aus dem nicht-sozialistischen Ausland, besonders für finnische Touristen und auch für Prominente wie Neil Armstrong oder Elizabeth Taylor, die erste Adresse – und bis 1980 gar das einzige Hotel in Tallinn mit internationalem Standard.

Grund genug für den KGB, sich im 23. Stock des Gebäudes einzurichten und zahlreiche Zimmer sowohl akustisch als aus visuell zu überwachen. Auch Angebote wie der Limousinenservice des Hotels wurden von den Gästen gerne in Anspruch genommen, die Fahrerposition dafür ebenfalls mit Vorliebe vom KGB besetzt, um Gespräche im Fahrzeug mitzuhören. Auch wenn die Räume nur nachgestellt sind war es doch eine kleine Zeitreise in eine vergangene Ära, mit einigen spannenden Überwachungstechniken. Bereits in den Siebzigern wurde beispielsweise Porzellan mit doppeltem Boden mit Mikrofonen versehen, um kabellos (mit einer batteriebetriebenen Dauer von bis zu einer Woche!) beispielsweise in der Bar des Hotels Gespräche am Tisch zu belauschen. Und die laut Architektenplan des Gebäudes berücksichtigten Mitarbeiterräume hatte zu jener Zeit kein Mitarbeiter des Hotels betreten, weil auch hier fleißig mitgehört und Gespräche aufgezeichnet bzw. mitgeschrieben wurden.

Wieder in der Gegenwart angekommen ging es auf in die Innenstadt, wo wir den Charme und Charakter Tallinns auf unser Wirken lassen wollten. Die Hauptstadt Estlands ist in Europa angekommen und wirkt auf uns wie eine typisch westliche Hansestadt. Umschlossen von einer historischen Stadtmauer mit kopfsteingepflasterter Altstadt läd diese zum schlendern ein, Cafés reihen sich an Restaurants, in den zahlreichen schmalen Gässchen gibt es viel zu entdecken. Mittag machten wir im Kompressor, einem Insidertipp der Stadt. Hier gibt es Pfannkuchen in allen nur erdenklichen Variationen. Unsere Wahl viel auf Erdbeeren, Quark und Sahne und auf Pfirsich, Creme und Camembert.

Der mittelalterliche Charakter der Stadt wird auch noch gelebt, zahlreiche Lokale wie das Olde Hansa erinnern mit leckeren Speisen und Kräutergetränken, zubereitet wie zu Zeiten der Hanse, mit Musik aus diesem Zeitalter und mit gewandetem Servicepersonal an diese Epoche.

Auf dem Domberg, der einen tollen Ausblick über die Stadt und auch den Hafern liefert, ging es vorbei an verschiedenen Botschaften, bevor wir zurück in Richtung Apartment wanderten. Abends ging es erneut in die Gassen der Stadt, um im St. Patricks, welch einladender Name, mit einem deftigen Abendessen den letzten Abend unserer Stadtreise zu genießen, bevor wir morgen die 150 km entfernte Rallyeparty an der Ostsee ansteuern.

Unterwegs (zu Fuß): 8 Stunden   Tagesstrecke: ca. 7 km

Tag 10 – Eisbrecher voraus

Montag, 25. Juni. Nachdem auch Heiko es zum ersten Mal seit knapp 10 Jahren geschafft hatte, bis knapp 10.30 Uhr zu schlafen, wurde der Tag in Tallinn recht gemütlich gestartet. Genau gegenüber unseres kleinen Apartments konnten wir im Café Reval ausgiebig frühstücken, bevor wir kurz einkaufen und uns dann auf in Richtung Altstadt machen wollten. 

Der Weg führte uns zunächst ins Hotel Viru, welches 1972 von finnischen Arbeitern erbaut wurde und in den Siebzigern zu den fünf besten Hotels der Sowjetunion zählte. Hier gaben sich Prominente und Politgrößen in vergangenen Tagen die Hand, es war eine der ersten Adresse für Ausländer, um vor Ort Geschäfte abzuwickeln. Im 23. Stock des offiziell 22-stöckigen Gebäudes verbarg sich allerdings ein düsteres Geheimnis – hier hatte der KGB seine Räume und hörte die meisten Bereiche des Hotels mit Technik a la James Bond ab. Grund genug, sich vor Ort für die Führung am kommenden Mittag anzumelden.

Weiter ging es in Richtung Seaplane Harbour, einem Museum untergebracht in einem beeindruckenden, historischen Wasserflugzeughangar. Dort konnte unter anderem der 1913 erbaute Eisbrecher „Suur Töll“ ausgiebig besichtigt werden. Nicht nur das Baujahr und die ähnliche Aufmachung des Schiffs erinnerten dabei stark an Szenen aus James Camerons „Titanic“, auch viele Details des alten Kahns ließen das Baujahr schnell erahnen. Da beinahe der gesamte Bereich des Schiffs zugänglich und restauriert ist, konnte man hier einiges an Zeit verbringen. Anschließend folgte die Besichtigung des 1937 gebauten U-Boots „Lembit“, 1940 bis 1979 als U-Boot der sowjetischen Marine im Dienst und anschließend Museumsschiff. Es war zusammen mit anderen Schiffen der baltischen Flotte an der Evakuierung Tallinns im zweiten Weltkrieg beteiligt und trug bis zum Mai 2011 den Ehrentitel „Estnisches Militärschiff Nr. 1“, nachdem es 1994 der estnischen Marine zurückgegeben wurde. Im Museum konnten außerdem diverse Kleinsegelboote, Wasserminen, Geschütztürme und vieles mehr entdeckt werden, wodurch wir beinahe den gesamten Nachmittag im Seaplane Harbour verbrachten. Auch die Spielecke für die Kleinen, unter anderem die Bastelanleitung für Papierflieger oder die ferngesteuerten Modellbote, kamen bei den beiden Rallyekindern äußerst gut an.

Auf dem Rückweg durch die Altstadt gönnten wir uns noch ein Gläschen Bier, bevor wir, zurück im Apartment, unserer Küche einheizten bei der Zubereitung unseres Abendessens. Während wir dieses genüsslich verspeisten wurde uns bewußt, dass es bereits nach 23.00 Uhr war und man sich von den Lichtverhältnissen des nordischen Sommers definitiv nicht durcheinander bringen lassen darf. So führte uns der folgende Weg denn auch irgendwann auf die heiligen Matratzen. 

Unterwegs (zu Fuß): 7,75 Stunden   Tagesstrecke: ca. 6 km

Tag 9 – dann eben Estland

Sonntag, 24. Juni. Es war wohl 7.30 Uhr, als sich Patricks Bett plötzlich bewegte und aus der vorderen Fahrkabine der Satz schallte: „ab in die Sonne“. Einige Wendemanöver später stand der Volvo im strahlenden Licht und beide Rallyeteilnehmer waren wach.

Beim ersten Kaffee am Morgen wurden dann die kommenden Tage geplant. Die Entscheidung, die Finnlandroute zu wählen, hatte einiges an Zeit gespart, die großen Strecken der vergangenen drei Tage zusätzlich geholfen, nun recht weit vorne in der Planung zu sein. Laut Roadbook hätten wir an besagter Stelle erst eineinhalb Tage später ankommen sollen. Was also tun? Weiter durch Finnland und bewußt gemütlicher, oder gleich die restlichen knapp sechs Stunden bis nach Helsinki. Oder doch noch an die knapp neun Stunden entfernte, russische Grenze und die Jungs vom Konvoi in St. Petersburg treffen?

Die Entscheidung fiel zunächst auf Russland, zwecks Schlafplatz wurde Kontakt mit den Kollegen aus #210 und #247 aufgenommen. Und eigentlich stand die Entscheidung fest, bis wir uns an eine Frage vom Vortag erinnerten, die uns das Team eines Rallye-BMW an einer Tankstelle gestellt hatte: „Fahrt ihr komplett Finnland?“ – „Ja auf jeden Fall“. Das nämlich war der Moment gewesen, als uns die beiden Franken einen Großteil ihrer Biervorräte und eine Flasche Jägermeister ins Auto gepackt hatten, um an der russischen Grenze keine Probleme zu bekommen. Erstes Problem für uns. Dann wurde im Rallyechat über Einreiseprobleme gesprochen zwecks Kopfwehtabletten und anderer Medikamente. Davon hatten wir dank mitfahrendem Teilinvalide nun auch nicht unbedingt wenig im Gepäck, die noch dazu keinesfalls abgegeben werden konnten. Zweites Problem für uns. Soll wohl nicht sein – eine klare Erkenntnis. Also Helsinki oder gleich auf die Fähre und ab nach Estland?

Ein kurzer Vergleich der Städte und die Entscheidung war getroffen! Über Airbnb schnell ein kleines Apartment für drei Nächte gemietet und ein paar Stunden später standen wir in Helsinki an der Fähre in Richtung Tallinn. Dort wollten wir die kommenden zwei Tage zu Fuß die Stadt erkunden, bevor es am kommenden Mittwoch dann auf die noch knapp 150 km entfernte Rallyeparty geht. Nachdem wir im SAC-Track zu dem Zeitpunkt bereits an der Spitze aller Rallyefahrzeuge standen war es wohl auch an der Zeit, das Tempo etwas zu reduzieren um die restlichen Teilnehmer nicht zu schwach aussehen zu lassen, nach kurzer Recherche waren es nämlich nur noch knapp 24 Stunden bis Hamburg, wo schließlich heute in einer Woche der Zieleinlauf geplant ist.

Im Apartment angekommen genossen wir gegen 23.00 Uhr noch die raffinierte Küche des Erasko-Rants und eine Erbsensuppe später folgte die wohlverdiente Tiefschlafphase.

Unterwegs: 9,5 Stunden zzgl. 3,5 Stunden Fähre   Tagesstrecke: 640 km

Tag 8 – Wasser, Wälder, Mücken

Samstag, 23. Juni – nach einer entspannten Nacht in unserer kleinen Hütte am See und einem kurzen Frühstück starteten wir gegen 9.30 Uhr den nächsten Abschnitt unserer Reise.

Von Inari am Inarijärvi-See wollten wir zunächst über die E75 Richtung Süden nach Rovaniemi, der Hauptstadt von Lappland und „offiziellen Heimat“ des Weihnachtsmannes. Dort angekommen besichtigten wir ausgiebig das Weihnachtsdorf, tanzten einmal mehr auf dem Polarkreis und auch unser Maskottchen „BSCHolzi“ fand schnell neue Freunde. Wer noch nicht folgt, schaut mal bei Instagram unter dem Hashtag #bscholzi.

Anschließend folgten wir der Route weiter bis an die Ostsee bei Oulu, wo einige Autobahnen umfahren werden mussten, um bei der Wertung keine Punkte zu verlieren. Dabei mußten wir feststellen, dass Finnland besonders von zwei Dingen geprägt ist: Wälder und Seen. Immer und überall. Wälder und Seen. Eigentlich den ganzen Tag … Wälder und Seen. Spannend wiederum waren die überbreiten Autobahnabschnitte, die bei Bedarf auch spontan zur Start- bzw. Landebahn umfunktioniert werden können.

Das anfangs schlechte Wetter wurde zunehmend besser und wir stellten uns mal wieder auf „wild camping“ ein, und fanden nach einiger Suche, bzw. nachdem wir einen Golfplatz für nicht tauglich eingestuft hatten, sogar eine gemütliche kleine Sandbucht. Kaum das Fahrzeug richtig abgestellt, Tisch und Stühle aufgebaut und den ersten Kaffee gekocht mussten wir dann allerdings feststellen, dass der von der Ostsee hinein wehende Wind nicht ansatzweise mit den angeblichen 13 Grad zu vergleichen war – und wir nicht die einzigen waren, die von der einladenden Optik der Bucht begeistert waren. 163 Mückenstiche später beschlossen wir spontan, doch noch in die Stadt zu fahren und bei einem Bier tatsächlich das Fußballspiel Schweden-Deutschland zu verfolgen, weil wir sonst wohl gegen 20.00 Uhr im Bett gelegen wären.

Heikos Erfahrung mit internationalen Bars führte uns denn auch schnell in eine gemütliche Stadtkneipe, in welcher wir dann das Fußballspiel schauen und für die Nationalelf bis zum knapp erkämpften Sieg fiebern konnten … leider, ja leider wurde das Spiel aber ohne Ton übertragen, weil in der Bar hauptsächlich von mäßig nüchternen Besuchern finnische, stark ans russische erinnernde Karaokehits ruiniert wurden. Wer sich also über den Moderator des Spiels in der Heimat geärgert hat … wir können euch vergewissern, es geht wirklich schlimmer!

Um den Weg zurück zu vermeiden, fuhren wir dann die geplante Strecke noch ein Stück weiter, hinaus aus Ouhu, um dann auf dem Parkplatz eines Badesees ein paar Stunden zu nächtigen.

Unterwegs: 8,75 Stunden + Karaoke-Fußballbier   Tagesstrecke: 570 km

 

Tag 7 – vom Nordkap nach Finnland

Freitag, 22. Juni. Abfahrt in Alta war morgens um 10.20 Uhr, das Nordkap in greifbarer Nähe. Zügig ging es denn auch im Konvoi mit vier Fahrzeugen dem Ziel entgegen und auf der Strecke begegnete man heute einigen anderen Rallyeteams. 

Vielleicht waren es die ansonsten recht leeren Straßen, vielleicht die regelmäßig zu überholenden Wohnmobile und Wohnwägen, vielleicht die vielen anderen Teams oder auch einfach nur der Spaß am Fahren … jedenfalls stieg die Durchschnittsgeschwindigkeit unserer Gruppe zunehmend. An einer bergigen Passage kämpfte sich eine Kolonne VW T4 recht gemütlich die Berge hinauf und wurde deshalb auch nacheinander überholt. Kurz darauf war im Rallye-Chat zu lesen, das einige Volvofahrer „ein Bergrennen“ veranstalten würden. Von dieser Aussage motiviert wurde das Tempo nochmals gesteigert und plötzlich ging es denn doch weit jenseits der vorgeschriebenen Geschwindigkeiten dem Nordkap entgegen. Ein echter Rallyetag also. Hat uns vermutlich einen Millimeter Profil gekostet und den Durchschnittsverbrauch um gut zwei Liter erhöht, aber ja … das war’s halt wert und die Gesetzeshüter waren, Gott sei Dank, nirgends zu sehen.

Von Alta bis zum Nordkap konnten wir so auch gefühlt 30 Startplätze gutmachen, was angesichts der Tatsache, dass es beim Baltic Sea Circle nicht um Geschwindigkeit oder Platzierungen während der Strecke geht, zwar eher zu vernachlässigen wäre – den Spaß und den Schwung aber keineswegs gebremst hat. Man muß halt auch mal Prioritäten setzen!

Gegen 14 Uhr erreichten wir dann endlich den nördlichsten Punkt unseres Kontinents und konnten dank Voranmeldung des Veranstalters mit der gesamten Kolonne vorfahren an den Globus, der diese Stelle markiert. Auch hier wartete bereits eine ganze Schlange an BSC-Fahrzeugen und wir reihten uns zwecks Fotoshooting mit unserem alten Schweden ein. Knapp 45 Minuten später wurden dann legendäre Nordkap-Fotos geschossen (eine riesen Touristenabzocke, wenn man den Preis von knapp 50,- Euro berücksichtigt), zunächst mit unserem Fahrzeug, dann mit unserem kleinen Team-Konvoi.

10 Minuten später waren wir schon wieder auf der Piste und peilten über die E69 und E6 nun die finnische Grenze bei Karigasniemi an, um von dort aus über die 92 möglichst nah an den Inarijärvi-See bzw. Die Stadt Inari zu kommen. Kurz vor Kaamanen trennten sich dann vorläufig unsere Wege, weil Team #210 weiter nach Kirkenes wollte, um dort einige andere Teams zutreffen, die nach Russland weiterfahren wollten. Auch #247 hatte eigene Pläne und wollte weiter unten über die 91 an die russische Grenze, während wir beschlossen hatten, zunächst auf der finnischen Seite in Richtung Süden zu fahren, um endlich das schlechte Wetter hinter uns zu lassen. Mittlerweile war es auch recht spät geworden, da wir ohne es zu bemerken die Zeitgrenze überfahren und so eine Stunde verloren hatten.

Nach einigem an Starkregen hatten wir dann gegen 20.30 Uhr Inari erreicht und dort kurzerhand eine kleine Hütte direkt am See gemietet, um an diesem Abend noch herzhaft zu kochen und dann den Wetterbedingungen bestmöglich zu entgehen. 

 Unterwegs: 9,25 Stunden   Tagesstrecke: 610 km