Tag 14 – in einem Land vor unserer Zeit

Streng bewachte Grenzübergänge mit düster wirkenden, strikt nach Hierarchie geordneten Uniform- und Tellerkappenträgern, ein rauer Umgangston, klare Ansagen seitens der Grenzbeamten … dazu „modernstes“ Behördentum und kreativ übersetzte Formulare … aber von vorne.

Freitag, 29. Juni 2018. Wir haben unseren Strandparkplatz morgens um kurz nach acht in der Kolonne verlassen, um uns die ab 8.00 Uhr fälligen Parkgebühren von 3,- Euro zu sparen (schon war der Eintritt vom Vortrag wieder drin und das Rallyebudget gerettet). Unser Etappenziel: Der Berg der Kreuze, ein katholisch – und touristisch – geprägter Wallfahrtsort in Litauen. Die Geschichte des zumindest zum Teil künstlich angelegten Hügels reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert und soll zu dieser Zeit bereits Gebets- und Opferstätte gewesen sein. Pilger stellen Kreuze auf diesen Hügel, meist in Verbindung mit einem Wunsch oder Dank. So hat sich über die Jahrzehnte ein skurriles Bild ergeben.

Unsere Aufgabe laut Roadbook: stelle ein Kreuz auf und fotografiere dieses gemeinsam mit Deinem Team. Da unser BSC-Holzi die eigentliche Challenge, dieses gemeinsam mit möglichst vielen weiteren BSC-Hölzchen bei einem Lagerfeuer in Norwegen oder Finnland zu verbrennen, überlebt hat, hatten wir nun eine besondere Idee. Holz selbst wurde zum Kreuz und fand auf dem „Kryžių kalnas“ seine letzte Ruhestätte.

Von dort aus ging es, quer durch Litauen, bis an die Landstraße 167, die auf einem schmalen Küstenstreifen durch die Ostsee direkt in die russische Exklave Kaliningrad führt und auf der Karte spannende Aussichten versprach. Dafür mußte allerdings ein „Museum“ besichtigt werden … ein russischer Grenzübergang. Geschätzte 6.000 km konnten wir Europa und eine moderne Welt erleben, mal stärker, mal weniger ausgeprägt, konnten ohne Aufwand reisen. Nun aber durften wir die verstaubte Erinnerung von kontrollierten Grenzübergängen in Erinnerung rufen und in Manier aus längst vergangenen Zeiten live erleben. Glücklicherweise zählten wir zu den vordersten Fahrzeugen und unser Aufenthalt beschränkte sich auf knapp über eine Stunde. Mit reduzierter Kommunikation in diversen Sprachen wie „auf, zu, rein, raus, aussteigen, wieder einsteigen, einmal, ausfüllen, doppelt, aaah, Niet, vor, anhalten, auf, zu, yes, no, rein, raus“ war es dann auch mühelos überstanden und wir standen auf russischem Boden. Immerhin einen Zöllner konnte ich sogar für einen Moment zum lachen bringen … bis sein Vorgesetzter diesen emotionalen Ausrutscher bemerkte. Die Straße auf dem schmalen Küstenstreifen entpuppte sich auch als deutlich unspektakulärer als zunächst angenommen, da sie auf beiden Seiten von dichten Wäldern gesäumt war und so den Blick auf die Ostsee versperrte… dazu noch die legendäre Zusammenfassung von Helmut im Gruppenchat:

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Mittlerweile war es, trotz einer Stunde Gewinn dank Überschreitung der Zeitzone, 19.00 Uhr und wir beschlossen, die Stadt nur zu durchfahren und direkt einen geeigneten Platz zum Grillen zu suchen, den ein Teil des Konvois auch gleich als Nachtlager beanspruchen wollte. Wir dagegen hatten bereits die Entscheidung getroffen, auch die zweite russische Grenze zurück nach Europa am Abend bzw. in der Nacht noch zu überschreiten, um am kommenden Tag nicht zu viel Zeit zu verlieren.

Nach einem spannenden Ausflug über gefühlte 10 km Feldweg standen wir tatsächlich an einer schönen Location im Nirgendwo, den See direkt vor uns. Dank des starken Winds waren auch keine kleinen Blutsauger unterwegs und so konnten wir schnell den Grill und das Lagerfeuer einheizen und im Anschluß gemeinsam essen. Gegen 23.00 Uhr war dann vorläufiger Abschied und wir machten uns auf in Richtung Polen …

Fortsetzung folgt …

Unterwegs: ca. 12 Stunden   Tagesstrecke: ca. 455 km